10. Dezember 2025

Energiepotenziale im Gebäudebestand endlich heben

Von Cecil von Croy, Co-Founder und CEO, Alva Energie

Auf den deutschen Gebäuden liegt ein Energiepotenzial, das bislang nur in Ansätzen genutzt wird. Das gilt besonders für Mehrfamilienhäuser, die im Zentrum der Energiewende stehen sollten. Sie vereinen große Dachflächen, stabile Lastprofile und eine hohe Zahl an Verbrauchern unter einem Anschluss. Diese Kombination macht sie zu einem der wirksamsten Hebel für eine sichere und bezahlbare Energieversorgung. Immer mehr Studien bestätigen dies. Die Analyse der IW Medien GmbH im Rahmen des Ariadne Projekts zeigt, dass mehr als 20 Millionen Wohnungen technisch mit Mieterstrom versorgt werden könnten. Rein rechnerisch ließe sich damit ein relevanter Teil des notwendigen PV Ausbaus abdecken.

Die Voraussetzungen sind günstig. Photovoltaik auf Wohngebäuden kann einen erheblichen Teil des Jahresstroms direkt vor Ort bereitstellen und so Netze entlasten und Kosten senken. Das entstehende Lastprofil passt gut zu modernen Energiesystemen, insbesondere wenn Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur und perspektivisch Speicher hinzukommen. Der Vorteil eines solchen Systems ist offensichtlich. Der Strom wird dort erzeugt, wo er benötigt wird. Es entfallen Netzentgelte, Transportwege und Preisrisiken. Für Mieter bedeutet das eine spürbare Reduktion der Nebenkosten, für Eigentümer eine stabile Rendite und für das Gesamtsystem eine zuverlässige dezentrale Erzeugung.

Dächer als zentrale Ressource der Energiewende

Trotz dieser klaren Ausgangslage ist der Ausbau bislang verhalten. Das liegt weniger an mangelnder Bereitschaft, sondern an Strukturen, die den Einstieg kompliziert machen. Viele Eigentümer scheuen Messkonzepte, Abrechnungsmodelle und Abstimmungen mit Netzbetreibern. Dabei gibt es längst funktionierende Lösungen. Das Mieterstrommodell ist heute der praktikabelste Weg, um PV im Bestand wirtschaftlich nutzbar zu machen. Ein Dienstleister übernimmt den technischen und energiewirtschaftlichen Betrieb und sorgt für Abrechnung, Bilanzierung und Kundenservice. Für Mieter entsteht ein einziger Vertrag, der PV Strom und Reststrom bündelt. Für Eigentümer reduziert sich der Aufwand auf die Bereitstellung der Fläche und gegebenenfalls die Entscheidung über Investition oder Contracting.

Dächer bieten dafür beste Voraussetzungen. Nach Berechnungen des Fraunhofer ISE liegt das technische Potenzial deutscher Dachflächen bei mehreren hundert Gigawatt. Bereits heute liefern mehr als drei Millionen Anlagen einen erheblichen Anteil des bundesweiten PV Stroms. Die Praxis zeigt, dass Dachprojekte schnell aktiviert werden können, unabhängig davon, ob Eigentümer selbst investieren oder Modelle wie Pacht und Contracting nutzen. Für Gewerbestandorte kommen Onsite PPAs hinzu, bei denen Strom direkt auf dem Grundstück geliefert wird. Die jüngsten regulatorischen Klarstellungen zur Abgrenzung von Kundenanlage und Direktleitung schaffen hier mehr Sicherheit. Für Wohngebäude erleichtert die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung die interne Weitergabe von Strom, wenn auch ohne die ökonomischen Vorteile eines vollversorgenden Mieterstrommodells.

Photovoltaik auf Dächern wirtschaftlich einsetzen

Ein weiteres Feld mit hohem Nutzen ist die Kombination von Photovoltaik und Gründach. Begrünte Dächer verbessern das Mikroklima, verringern die Modultemperatur und können die Leistung der Anlage steigern. Sie erhöhen gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit gegen Hitze, entlasten die Kanalisation und verlängern die Lebensdauer der Dachhaut. Für Stadtquartiere entsteht damit ein doppelter Nutzen aus Energieerzeugung und Klimaanpassung.

Die Rolle der Mehrfamilienhäuser wird mit Blick auf die kommenden Jahre weiter an Bedeutung gewinnen. Sie verbinden technische, wirtschaftliche und ökologische Vorteile. Sie dämpfen Energiekosten, ermöglichen stabile Einnahmen und tragen zur Entlastung der Netze bei. Zugleich schaffen sie eine belastbare Basis für Wärmepumpen und Elektromobilität. Damit diese Potenziale genutzt werden, braucht es klare und verlässliche Rahmenbedingungen. Dazu gehören transparente Vorgaben für Messung und Abrechnung, einheitliche Prozesse bei Netz und Messstellenbetreibern sowie ein stärkerer Fokus der Politik auf den Gebäudebestand als Kern der Energiewende.

Die Technik ist vorhanden und die Geschäftsmodelle funktionieren. Jetzt kommt es darauf an, die vorhandenen Strukturen so weiterzuentwickeln, dass die Chancen im Mehrfamilienhaus und auf den Dächern der Städte nicht länger ungenutzt bleiben.